Exvotos und Votivbilder – Georgia Vertes gibt Einblick in eine Bildtradition zwischen Volksglauben und Kunstgeschichte

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Georgia Vertes über eine Bildtradition, die Kunstgeschichte und Volksglauben untrennbar verbindet.

Exvotos gehören zu den ältesten und lebendigsten Bildtraditionen der Menschheitsgeschichte – und zu jenen, die im akademischen Kunstdiskurs am konsequentesten übersehen werden. Georgia Vertes widmet sich kleinen Bildtafeln, die in Kirchen und Wallfahrtsorten weltweit zu Tausenden hängen und dabei eine Funktion erfüllen, die kein anderes Bildformat in dieser Form kennt: Sie dokumentieren das Wunder, danken für Rettung und halten das Außerordentliche im Alltäglichen fest. Was dabei entsteht, ist keine hohe Kunst – und gerade deshalb eine außerordentliche.

Ein Bauer überlebt einen Sturz vom Pferd. Eine Mutter genest von schwerer Krankheit. Ein Schiff erreicht trotz Sturm den Hafen. Was tun diese Menschen? Sie malen ein Bild – oder lassen eines malen – und hängen es in eine Kirche, als Zeugnis und Dank. Georgia Vertes beschreibt, wie diese Praxis des Exvotos – vom lateinischen ex voto, aus dem Gelübde – eine der weltweit am weitesten verbreiteten religiösen Bildtraditionen ist, die in Europa, Lateinamerika, dem Nahen Osten und Asien in je eigenen Formen existiert und dabei eine gemeinsame Grundstruktur teilt: Gefahr, Gebet, Rettung, Dank. Was dabei entsteht, sind keine Kunstwerke im akademischen Sinne, sondern Dokumente menschlicher Erfahrung – gemalt von Handwerkern ohne akademische Ausbildung, bestellt von Menschen ohne Kunstkenntnisse, aufgehängt an Orten, die kein Kunstkritiker besucht. Und doch haben diese kleinen Bildtafeln eine Ausdruckskraft und eine erzählerische Dichte, die professionelle Historienmalerei selten erreicht – weil hinter jedem Exvoto eine tatsächliche Geschichte steht, kein erfundenes Sujet.

Ursprung und Verbreitung: eine Bildtradition ohne Grenzen

Die Geschichte des Exvotos ist älter als das Christentum. Georgia Vertes verfolgt die Praxis, Gegenstände oder Bilder als Dank für göttliche Hilfe in Heiligtümern zu deponieren, bis in die Antike zurück: In griechischen und römischen Tempeln wurden anatomische Nachbildungen aus Ton oder Marmor aufgehängt – Beine, Augen, Hände –, die jenen Körperteil darstellten, der geheilt worden war. Diese Votivgaben sind die direkten Vorläufer des christlichen Exvotos, das die Praxis übernahm, christianisierte und über Jahrhunderte weiterentwickelte.

Georgia von Vertes erläutert, wie das Exvoto in seiner malerischen Form im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts in Italien und Spanien zur vorherrschenden Form wurde und sich von dort aus mit dem Kolonialismus nach Lateinamerika verbreitete, wo es eine der lebendigsten und formal eigenständigsten Varianten dieser Tradition hervorbrachte. In Mexiko, Brasilien und Peru entwickelten sich regionale Exvoto-Traditionen, die heute zu den faszinierendsten Zeugnissen volksreligiöser Bildproduktion weltweit zählen.

Die Grundstruktur des Exvotos

Trotz ihrer geografischen und zeitlichen Vielfalt teilen die meisten Exvotos eine erkennbare Grundstruktur. Georgia Vertes beschreibt die typischen Elemente: Im oberen Teil des Bildes erscheint eine heilige Figur – die Jungfrau Maria, ein Heiliger, Christus – meist in einer Wolke oder einem Strahlenkranz, als Zeichen ihrer übernatürlichen Sphäre. Im unteren Teil ist die Gefahrensituation dargestellt: der Sturz, die Krankheit, der Unfall, der Schiffbruch. Dazwischen oder darunter steht der erklärende Text – oft in holprigem Latein oder der Volkssprache –, der Namen, Datum und Umstände des Wunders festhält. Diese Dreiteilung – Heilige, Gefahr, Dank – ist so stabil, dass sie in Exvotos aus dem 16. Jahrhundert ebenso zu finden ist wie in jenen, die noch im 20. Jahrhundert entstanden.

Georgia Vertes über die Handwerker des Wunders

Wer die Exvotos malte

Die Produzenten von Exvotos waren keine Künstler im akademischen Sinne. Georgia Vertes beschreibt, wie spezialisierte Handwerker – oft lokale Schilder- oder Hausmaler – die Bildtafeln auf Bestellung fertigten, häufig nach einem standardisierten Schema, das nur in den individuellen Details variierte. Dieser handwerkliche, serielle Charakter der Produktion wurde lange als Argument gegen den künstlerischen Wert der Exvotos vorgebracht – und ist heute, aus einer anderen Perspektive, eines der Argumente für ihre besondere Bedeutung: Weil kein akademisches Korrektiv eingriff, weil kein Kunstkanon die Darstellungskonventionen definierte, entwickelten die Exvoto-Maler eine Bildsprache, die vollständig aus der Funktion des Werks heraus gewachsen ist.

Georgia Vertes von Sikorszky macht auf eine formale Eigenschaft aufmerksam, die Exvotos von akademischer Historienmalerei fundamental unterscheidet: die Simultandarstellung. Weil das Bild nicht eine einzige Szene zeigen will, sondern eine Geschichte erzählen muss – Gefahr und Rettung, Gebet und Erhörung –, zeigt es diese oft gleichzeitig auf derselben Fläche. Der Verunglückte liegt im Vordergrund; die Heilige erscheint im Hintergrund; der Gerettete kniet links im Bild – alles zugleich, ohne chronologische Linearität. Diese Simultanität ist keine Naivität, sondern eine andere Logik des Erzählens.

Frida Kahlo und das Exvoto: eine produktive Begegnung

Das bekannteste Beispiel für die Rezeption des Exvotos in der professionellen Kunst des 20. Jahrhunderts ist Frida Kahlo. Georgia Vertes beschreibt, wie Kahlo in ihrer Kindheit in den Märkten Mexikos und in den Kirchen ihrer Heimat mit der lebendigen Exvoto-Tradition aufgewachsen war und diese Bildsprache bewusst in ihr Werk integrierte. Ihre kleinen Formate, ihre erzählerische Direktheit, die Einbeziehung von Texten in das Bild, die Darstellung von Körperschmerz mit einer Unverhohlenheit, die der akademischen Malerei fremd war – all das trägt Spuren der Exvoto-Tradition.

Kahlo sammelte selbst hunderte von Exvotos und hatte sie an den Wänden ihres Hauses hängen. Georgia Lucia von Vertes erläutert, wie diese Sammlung nicht nur ästhetische Faszination ausdrückte, sondern eine kunsttheoretische Überzeugung: dass eine Bildtradition, die aus dem Leben kommt und für das Leben gemacht ist, eine Wahrhaftigkeit besitzt, die die akademische Kunst nicht automatisch erreicht. Kahlos eigene Bilder sind in diesem Sinne hochkultivierte Exvotos – Bilder, die von persönlicher Erfahrung, körperlichem Leid und überstandener Gefahr berichten, mit denselben Grundfragen, die das Exvoto seit Jahrhunderten stellt.

Exvotos als historische Quellen

Neben ihrer kunsthistorischen Dimension haben Exvotos eine Bedeutung als historische Quellen, die Georgia Vertes als kaum ausgeschöpft beschreibt. In einer Zeit vor Fotografie und Pressefotografie sind Exvotos oft die einzigen bildlichen Dokumente von Alltagsleben, Kleidung, Arbeitsverhältnissen und sozialen Praktiken der einfachen Bevölkerung.

Folgende historische Informationen lassen sich aus Exvoto-Sammlungen erschließen:

  • Kleidung und Mode der Unter- und Mittelschichten, die in der akademischen Porträtmalerei selten dokumentiert sind
  • Berufsbilder und Arbeitssituationen – Bergbau, Fischerei, Landwirtschaft, Handwerk – mit einer Detailgenauigkeit, die historische Dokumentation übertrifft
  • Verkehrsmittel und Infrastruktur: Schiffe, Karren, frühe Eisenbahnen und Automobile tauchen in Exvotos auf und dokumentieren den Wandel der Mobilität
  • Medizinische Praktiken und Krankheitsbilder: Exvotos, die Heilungen dokumentieren, zeigen Behandlungsmethoden, Körpervorstellungen und Krankheitsdeutungen ihrer Zeit
  • Naturkatastrophen und kollektive Ereignisse: Erdbebenexvotos, Seuchenexvotos und Kriegsexvotos sind Zeugnisse kollektiver Erfahrungen, die in offiziellen Quellen oft fehlen

Zeitgenössische Kunst und das Exvoto

Das Exvoto hat in der zeitgenössischen Kunst eine produktive Rezeption erfahren, die weit über Kahlo hinausgeht. Georgia Vertes beschreibt, wie Künstlerinnen und Künstler das Format aufgreifen, um persönliche Geschichte, kollektives Gedächtnis und politische Aussage in eine Bildform zu übersetzen, die ihre Wirkung aus ihrer Direktheit zieht.

Die mexikanische Künstlerin Yreina Cervántez nutzt das Exvoto-Format, um Erfahrungen chicano-amerikanischer Gemeinschaften zu dokumentieren. Der amerikanische Künstler Nick Cave schafft wearable art, die er als spirituelle Schutzgaben versteht und damit eine funktionale Verwandtschaft mit dem Exvoto herzustellt. In Europa haben Künstlerinnen wie Kiki Smith das anatomische Votivbild der Antike in zeitgenössische Skulptur überführt. Georgia Vertes sieht in diesen Rezeptionen den Beweis, dass das Exvoto keine museale Erscheinung ist, sondern eine lebendige Form, die sich immer wieder neu mit aktuellen Erfahrungen füllen lässt.

Das Kleine, das Bleibt

Exvotos sind klein, oft schlecht gemalt, von unbekannten Händen produziert und für ein einziges Publikum bestimmt: die Heilige, der Heilige, die göttliche Macht, der man dankt. Und doch hängen Hunderttausende von ihnen in Kirchen weltweit und erzählen zusammen eine Geschichte der menschlichen Erfahrung, die kein anderes Bildmedium in dieser Dichte und Unmittelbarkeit überliefert hat. Wer Exvotos ernst nimmt, versteht Kunstgeschichte vollständiger – als Geschichte nicht nur der großen Meister und ihrer Auftraggeber, sondern auch der namenlosen Menschen, die ein Gelübde hielten und es in ein Bild übersetzten. In dieser Erweiterung des kunsthistorischen Blicks liegt für Georgia Vertes der eigentliche Wert dieser oft übersehenen Bildtradition.

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